Otto Schily

Der Mann, der 1998 Bundesinnenminister wurde, hat, inspiriert von seinem Freund, dem Verleger Klaus Wagenbach), zehn Jahre zuvor ein Landgut in der Großgemeinde Asciano ersteigert. Es ist von Olivenhainen umgeben. Schilys Liebe zu dieser Gegend reicht weiter zurück. Seine Freundschaft zu dem Gastwirt Gianni Brunelli, einem ehemaligen kommunistischen Gewerkschaftssekretär, spielt dabei eine große Rolle. Brunelli betreibt das Restaurant "Osteria Le Logge" (Foto ganz unten) wenige Schritte nebem dem berühmtem "Campo", dem schönsten Platz der Welt, und neuerdings die Winebar "Liberamente" direkt am Platz. Zu dem in mehrere Sprachen übersetzten Kochbuch "Le Logge" (Hugendubel-Verlag), erstmals erschienen 1989 und nun schon in 8. Auflage, hat Schily das Vorwort und Gianna Nannini das Nachwort geschrieben.  

Schily über Brunelli (Foto: mit Frau Laura und Sohn Marco): "Gianni stammt aus Montalcino, der Metropole eines berühmten italienischen Weins, des Brunello. Aufgeweckten Gästen seiner Osteria Le Logge fällt die Namensgleichheit sofort auf, was Gianni ebenso witzig findet wie unsereins die unglaublich komischen Verse auf den Namen Otto, zum Beispiel "vorne rund, hinten rund, in der Mitte wie ein Pfund". Der Vers würde immerhin gut auf Gianni Brunelli passen, der eine gewisse, für einen Gastwirt unentbehrliche oder jedenfalls unvermeidliche Leibesfülle unter seiner weißen Schürze keineswegs verbirgt. Eigentlich sieht er aber aus wie eine der etruskischen Bronzefiguren, mit seiner gedrungenen, untersetzten und kräftigen Gestalt, dem leicht zersausten schwarzen Bart und den lachenden Augen. Wenn es stimmt, was die Historiker behaupten, daß die Etrusker ein sehr lebenslustiges, gastfreundliches und friedliches Volk gewesen seien, dann werden die Vorfahren von Gianni Brunelli gewiß Etrusker gewesen sein. Das schmeichelt ihm, aber Schmeicheleien hört er für sein Leben gern und verteilt sie ebenso freigiebig. Genug über Gianni. Was wäre er ohne Laura. Sie kommt aus Sardinien und könnte inzwischen Professorin für Germanistik oder für Medizin oder für Astronomie sein, aber sie traf Gianni und entschied sich für die Gastronomie. Gäbe es sie nicht, wäre die Osteria längst konkursreif, denn am liebsten lädt Gianni alle Freunde in etruskischer Großzügigkeit ein, ohne an die Kasse zu denken. Ob die Sarden auch Etrusker waren, wissen wir nicht, wir wissen aber, daß sie Sarden bleiben, auch wenn sie schon seit Generationen in der Toskana leben. Deshalb achten sie ein wenig mehr auf das Geld. Ohne die Sarden wäre die Toskana in bestimmten Gegenden schon weitgehend entvölkert, was d-ie Toscani mit einem gewissen Murren eingesehen haben. Auf Grund der sardischen Einwanderung ist die beste toskanische Käsesorte jetzt der sardische pecorino, der beste Sieneser Notar ein sardischer Nobile und der beste Polizist ein sardischer Hirte...

Genaugenommen sollte ich über die Osteria Le Logge kein Sterbenswort schreiben, sonst wird es dort womöglich noch voller als sonst. Abends und meist auch mittags ist es schwierig, einen Platz zu finden, es sei denn, man war so klug, einen Tisch zu reservieren. In der Osteria Le Logge entdecken unsere durch Maggi-Soße, Hamburger, holländische Tomaten, Pommes frites und chilenische Äpfel abgestumpften Geschmackssinne wieder, daß Essen zur Kultur gehört, daß es gut schmecken, gut riechen und gut aussehen kann, aber ohne Menkenkes, ohne übertriebenes Zelebrieren. Am besten bestellt man übrigens das Gericht, das Laura sich selbst aus der Küche bringen läßt, zum Beispiel Tagliata con funghi oder Terra di Siena oder Anatra all'uva..."

Otto Schily

Anmerkung: Gianni Brunelli ist im November 2008 überraschend verstorben

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1994 schrieb Otto Schily ein Buch, das sich mit der Vermarktung der Natur befasst: "Flora, Fauna und Finanzen" (Hoffmann und Campe Hamburg). Hier sein Fazit:

In der Landwirtschaft wird der notwendige ökologische und soziale Strukturwandel nur zu erreichen sein, wenn wir versuchen, durch gesellschaftliche Vernunft, durch kooperative Verbindungen zwischen Erzeugern und Verbrauchern, -einen sinnvollen Umgang mit Geld zuwege zu bringen. Das wäre dann sozusagen der ökologische, soziale, kulturelle, aber auch ökonomische "Befreiungsschlag". Der Markt sollte nicht durch Preissubventionen "geordnet" werden (in Wahrheit wird er dadurch in Unordnung gebracht), sondern durch strikte Normen und sonstige staatliche Maßnahmen, die die Einhaltung der Regeln für umweltverträgliche Anbau- und Viehhaltungsmethoden sicherstellen. Dazu gehören neben Verboten und Geboten (unter anderem Bestandsobergrenzen für die Viehhaltung, Verbot nicht artgerechter Massentierhaltung) auch jährlich linear ansteigende Abgaben auf Mineraldünger- und Pestizideinsatz. Die ersparten Agrarsubventionen sollten durch Steuersenkungen in der gleichen Größenordnung den Verbrauchern zugute kommen, die jedoch an die Bauern höhere Preise für die nach ökologischen Grundsätzen hergestellten Agrarerzeugnisse zu zahlen hätten.

Das Foto zeigt Schily bei der Landwirtschaftsmesse "Qualivita" in Siena (Ostern 2002) mit Kammerpräsident Vittorio Galgani am Stand bayerischer Brauereien.

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Behagen in der Toskana

In Italien wartet das schöne Anwesen in der Toskana, nicht weit von Siena gelegen. Es ist ein in toskanischem Stil errichteter Herrensitz, nicht herrschaftlich, jedoch geeignet für behaglich-stilvolles Leben in höchst reizvoller Landschaft. Schily hat das Domizil in den achtziger Jahren nach längerem Suchen erworben. Seinem Bruder Konrad schwärmte er damals vor: "Du, ich hab' da was Tolles gesehen, das kann man kaufen." Die Liebe zu Italien war seinerzeit längst erblüht. Erstmals gespürt hat sie Otto Schily Jahrzehnte zuvor bei einer Studentenreise mit seinem Jugendfreund Hilmar Fornelli.

Schily meint, daß die Deutschen die Zuneigung zum Land, wo Schwärmer Goethe menschlich und künstlerisch aufblühte, wohl in ihrer Keimbahn trügen. Wie viele andere Deutsche bewundert er bei den Italienern die Leichtigkeit des Seins. Wir Deutsche seien dagegen doch eher reflektierende und gehemmte Menschen. Seit seinem ersten Italien-Erlebnis in den fünfziger Jahren ist Schily immer wieder zu längerem Urlaub oder für kurze Aufenthalte nach Süden aufgebrochen. Schließlich lockte die Kaufofferte, die ihn nach Vertragsabschluß zum Eigentümer einer Immobilie in der Toskana werden ließ. Das Haus ist Refugium für den lebenslangen Solisten, aber es steht auch Verwandten und guten Freunden gastlich offen. In der Toskana lebe Otto auf, hier sei er ein ganz anderer Mensch, meint ein Parteifreund, der Schily in Berlin als einen zugeknöpften, ernsten Mann kennengelernt hat. In dem Feriendomizil fand Anfang der neunziger Jahre auch die Hochzeitsfeier nach der Eheschließung mit seiner aparten zweiten Frau Linda Tatjana statt, einer gelernten Stadtplanerin, die sich als Atemtherapeutin betätigt.

Waschzettel zu: Reinhold Michels: Otto Schily. Eine Biografie. 2001 DVA

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