Dokumente der 90er Jahre

Was so alles über Toskana-Fraktion geschrieben wurde

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Als Fischer in Bonn 1983 anfing, wog er 75 Kilo: dreizehn Jahre später waren es 112. Mit dem Blick fürs Wesentliche ausgestattet, erkannte Fischer schon im Jahr 1983 ein Strukturmerkmal unter dem gesetzgebenden und regierenden Personal. In seinem ersten Erfahrungsbericht aus Bonn schrieb er damals im Frankfurter Pflasterstrand, das Parlament sei ein Verein von Alkoholikern. Das war natürlich übertrieben, aber nicht nur Fischer brachte es in der alten Hauptstadt auf rund 50 Prozent Gewichtssteigerung.

Zugegeben - das ist ein Problem. Fragt sich für wen? Mit seiner Antwort schwankt Fischer zwischen der "westlichen Wohlstandsgesellschaft", dem "Gesundheitssystem", dem dadurch "gewaltige Kosten" entstehen, und sich selbst: dem "gewaltigen persönlichen Desaster", das er im Sommer 1996 erlebte, als ihn seine damalige Ehefrau mitten in der Toskana verließ. "Gewaltig" und "persönlich" gehören zu seinen Lieblingsvokabeln ein Schelm, der einen Zusammenhang vermuten sollte.

Fischer betont mehrmals, dass er damals in der Toskana "eine Sekunde (es war tatsächlich nicht mehr an Zeit notwendig)" gebraucht hat, um sich von der "großen Küche" und von den "großen Weinen" zu verabschieden.

Rudolf Walter in der Frankfurter Rundschau vom 3. 12. 1999

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Gott sei Dank! Er hat wieder etwas zugelegt!

Außenminister Joschka Fischer (51, Grüne) ist nicht mehr so hager wie noch vor einigen Wochen. Man sieht’s am Gesicht und an der Anzugweste: Hier sitzen die Knöpfe deutlich strammer. Parteifreunde tuscheln: Im Toskana-Urlaub bestimmt vier Kilo zugenommen!"

Wird Joschka wieder schwach? Fischer (seit 4 Monaten mit Journalistin Nicola Leske, 30, verheiratet) joggt noch immer täglich eine Stunde. Doch die Diät sieht er nicht mehr so verbissen: Immer öfter gönnt er sich abends eine leckere Gemüse-Pizza, eine dampfende Schüssel Pasta - Nervennahrung gegen den Polit-Stress. 1996 hatte sich Fischer mit eiserner Disziplin in nur 4 Monaten 26 Kilo von 218 Pfund "Kampfgewicht" runtergehungert, war über Nacht vom Rotwein- Freund zum strikten Anti geworden.

BILD am 24. 8. 1999

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- Wenn zarte Nebelschleier die Morgensonne umspielen, wenn Berge, Täler und Weinhänge in den bacchantischen Farben des Herbstes zu einem gigantischen Kunstwerk der Natur aufblühen und das Land nach Pilzen und Traubenmost duftet, wenn im klaren Nachthimmel Millionen von fernen Welten schimmern und die Stille hörbar wird dann ist die Toskana das schönste Exil für alle Genießer, die eine unstillbare Sehnsucht in das Hügelland zwischen Apennin und tyrrhenischer Küste treibt: die internationale Toskana-Fraktion. Mit Beginn der Traubenernte erlebt Italiens romantischste Weinregion ihre Hauptsaison: Ars Vivendi - die Kunst des Lebens. In der Toskana ein einziger Hochgenuss.

Dieses uralte Kulturland, aus dem die Zypressen wie Ausrufezeichen aufragen, liegt auch voll im Trend bei rastlosen Bossen aus Wirtschaft und Politik. Hier fanden sie Entspannung, Ruhe und Lebensfreude - ohne den üblichen klein karierten Gesundheitsstress eines Kurorts. Der deutsche Außenminister Joschka Fischer erholt sich in der Toskana von den Strapazen seines Amtes (leider ist seine Genussfähigkeit in der letzten Zeit arg eingeschränkt). Auch seine Politikerkollegen Oskar Lafontaine, Otto Schily und Björn Engholm gelten als eingeschworene Mitglieder der genusssüchtigen Toskana-Fraktion. Der ganz besondere Kick: Ferien auf dem Weingut. Die Florentiner Toskana-Expertin und Weinberaterin Ursula Thurner: "Ein paar Tage Entspannung in einem alten, gepflegten Castello ist der Höhepunkt eines Toskana-Urlaubs. Nirgendwo sonst erlebt man diese Landschaft, ihre Menschen ihre Kultur, ihren Wein und ihre Küche intensiver."

Leo Nell in "Bunte" vom 30. 9. 1999

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Während Kanzler Schröder seine Ferien in Positano vor den Augen der Weltöffentlichkeit abhielt, blieb Joschka Fischers genauer Urlaubsort geheim. Fest stand bisher nur, daß Fischer, prominentestes Mitglied der Toskana-Fraktion, die Sonnenfinsternis von irgendeinem zypressenbestandenen Hügel aus beobachtete...

Torre a Castello heißt das malerische Dorf, das für wochenlange Erholung vom politischen Alltagsstress genauso geeignet zu sein scheint wie für kurze Turtel-Trips. Denn zu einem solchen machte sich Nicola Leske, derzeit in Diensten der Zeitschrift "Geo", kürzlich auf den Weg nach Italien. Ein verlängertes Wochenende, das sich die Journalistenschülerin nur deshalb gegönnt hatte, weil sie ihren 30. Geburtstag nicht allein in Hamburg feiern wollte. Joschka Fischer, 51, ließ sich den Aufenthalt in Torre a Castello gern von seiner vierten Frau versüßen. Ist es ihm zu verdenken? Schließlich hatte er wochenlang in der Gesellschaft zweier Bodyguards und eines Diplomaten gedarbt, wenn auch in Olivenhainen.

Silke Propp in "Gala" am 26. 8. 1999

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In den siebziger Jahren konzentrierte sich die Kauflust der Deutschen auf mediterrane Gefilde. Zwischen Chianti und Lucca formierte sich die Toskana-Fraktion. " Dort vollzieht sich heute ein wahrer Generationenwandel", weiß der in Castellina ansässige Immobilienmakler Nikolaus Barnewitz. " Immer mehr interessante Objekte stehen mittlerweile wieder zum Kauf."

Jüngster Trend in Italien: " Die Marken und die süditalienischen Regionen Sizilien, Apulien und Kalabrien", so der Frankfurter Uni-Dozent Giovanni Gelardi. " Immer interessanter wird künftig der ausländische Wohnungsmarkt, den sich auch die breite Masse leisten kann."

Focus 22. 5. 1999

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Wäre er (Otto Schily) jetzt nicht Innenminister geworden, hätte er sich klaglos auf sein kleines Gut bei Siena zurückgezogen. Von seinem Berg kann er hei klarem Himmel weit in die Toskana hineinschauen, über Schafherden, Teiche und Macchia-Hügel hinweg. Der Kerl hätte Cello gespielt, Rudolph Steiners "Rätsel der Philosophie" wieder hervorgekramt und vielleicht Spinoza gelesen. Oder Geld verdient. Oder (sehr bedächtig und gründlich) ein spätes Buch über die ulkigen Rituale der deutschen Politik geschrieben.

Das macht ihn ja so verdächtig: Dieser großbürgerliche, gebildete und selbstbewusste Anwalt, Sohn eines Hüttendirektors aus dem Ruhrgebiet, verweigert die im deutschen Parteiensystem mehr oder weniger unvermeidlich gewordenen Demutsgesten mit ironischer Distanz. Das hat die ungeratenen Töchter der deutschen Bourgeoisie an der Basis der Grünen genauso empört wie die Grölbacken aus dem Justemilieu der Gewerkschaften in der SPD. So blieb (und bleibt) der neue Innenminister ein umwisperter, mit knappen Mehrheiten gewählter, manchmal auch nicht gewählter und jedenfalls vielfach umstrittener Außenseiter.

Peter Glotz in "Die Woche" vom 27. 11. 1998

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Vom Leben in der Toskana träumen viele. Wenn sie dann dort sind, holt die Realität sie schnell wieder ein Wolfgang Kretzschmar hat einen Ratgeber für Aussteiger geschrieben: Damit aus dem Traum kein Alptraum wird Es ist für viele der Traum der Träume: ein Haus auf einem lichten Hügel, umstanden von Zypressen, umgeben von Olivenhainen und Weinbergen in denen die Nachtigallen singen; ein Alltag, der nach Rotwein schmeckt und nach Rosmarin duftet; ein Leben, in dem das Störendste das Krähen der Hähne am Morgen ist. Vermutlich hat keine andere Utopie in Deutschland so viele Anhänger wie die der Toskana-Fraktion.

Doch wenn die Utopie Realität werden soll, braucht sie ein Dach. Sie benötigt Brunnen und Pumpe Blitzableiter und Genehmigungen, Beglaubigungen und Geld - meist mehr als erwartet. Und deswegen wird aus dem Traum manchmal ein Alptraum.

Vorsorgen läßt sich jetzt mit einem neuen Buch. Es heißt "Leben in der Toscana", bietet "Erfahrungen aus dem Alltag für Realisten und Träumer" und hat alle Chancen zur Bibel der Toskana-Fraktion zu werden. Der Autor ist ein 54jähriger Deutscher, der seit 18 Jahren mit Frau, Hunden, Katzen, Eseln, Hühnern und Gänsen zwischen Grosseto und Livorno auf neun Hektar Toskana lebt und seine Erfahrungen mit dem Satz resümiert: "Einen Traum hatte ich nie. Aber ich habe ihn realisiert."..

Seither hat sich das Haus in ein Idyll verwandelt. Außen Terrakotta-Töpfe auf Trockenmauern, Zitronenbäumchen und Zypressen, innen Ziegelfußböden, alte Möbel, viele selbstgemalte Bilder und unter dem Dach ein Atelier, in dem der Hausherr ebenso gern an der Staffelei steht wie aus dem Fenster schaut: Weit geht der Blick über die eigenen Rebstöcke, die ihn mit zweitausend Liter Wein pro Jahr versorgen, über Olivenbäume, aus deren Früchten er mehrere hundert Liter "Extra Vergine" preßt, hin zu den Hügeln, hinter denen der Golf von Baratti liegt, wo im Sommer sein Badeplatz ist. Ein Leben das frei aussieht, vielfältig und genußvoll. Also doch: die Toskana - das real existierende Paradies?

"Das ist der Film, der in den Köpfen abläuft", sagt der Hausherr "Hügel Zypressen, Wein, gutes Essen, raus aus dem Alltag rein in die Harmonie. Mit der Wirklichkeit hat das natürlich überhaupt nichts zu tun." In der Wirklichkeit gibt es häßliche Dörfer und Hühner-KZs, Hornissenplagen und Hitze, Holzwürmer und haufenweise Jäger die Nachtigallen abknallen...

In der Wirklichkeit gibt es auch einen Winter, an den keiner denkt, wenn er in die Toskana zieht. "Man verfällt ihr im Frühjahr, wenn Deutschland noch kahl und grau ist und die Heizungen und Nasen um die Wette laufen. Dann explodieren hier plötzlich Blüten und Farben und Düfte."

Peter Sandmayer im "Stern" vom 15. 10. 1998

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Wenn Volker Schlöndorff sich auf sein Landgut bei Florenz zurückzieht, dann läßt er den Alltag und das Regiegeschäft weit hinter sich. Er pflegt das Gespräch mit ortsansässigen Bauern, kümmert sich um seine Olivenbäume und Weinstöcke. Und am Abend macht er lange Spaziergänge, genießt die Natur, diese einzigartige -Mischung aus Kargheit und jahrtausendelanger landwirtschaftlicher Prägung. Die landschaftliche Schönheit der Toskana wirkt besonders auf deutsche Prominente immer noch wie ein Magnet: Politiker wie Joschka Fischer, Oskar Lafontaine und Otto Schily, Schauspieler wie Fritz Wepper oder Schriftsteller wie Elke Heidenreich - sie alle zieht es in die Region, die seit Jahrzehnten als Synonym für Lebensgenuß steht. Und die in Deutschland sogar einen neuen Begriffprägte: die Toskana-Fraktion, vorwiegend bestehend aus SPD-Politikern, die guten Wein, italienische Küche und die 23000 Quadratkilometer große Region zwischen La Spezia und Chianciano Terme lieben...

Vor allem für Künstler ist die Toskana eine traditionelle Zweitheimat . Der Komponist Hans Werner Henze verbringt seit zwei Jahrzehnten die Sommer in der idyillschen mittelalterlichen Stadt Montepulciano. Dort hat er ein Musikfestival gegründet, in dem die Bewohner Montepulcianos mitwirken und das den Jahreshöhepunkt bildet. Nicht weit davon, zwischen dem Trasimenischen See und der hoch über dem Chianatal thronenden Stadt Cortona, hat sich der Maler Markus Lüpertz - zusammen mit Künstlerkollegen - einen alten Baurnhof gekauft. Mehrmals im Jahr trifft sich dort die deutsche Toskana-Künstler- Gemeinschaft zum Diskutieren, Feiern, Genießen und Arbeiten.

Gala 7. 8. 1997

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Begabtenförderung geschieht nicht nur, damit aus einem begabten Physikstudenten ein noch besserer Physiker wird. Begabtenförderung soll Physikstudenten mit Philosophen ins Gespräch bringen, Germanisten mit Biologen, Mediziner mit bildenden Künstlern. Und dabei geht es nicht nur um einen gelegentlichen Austausch in der landschaftlich schönen Umgebung eines Akademiehauses, – denn Stipendiaten sind schließlich keine studentische "Toskanafraktion" – sondern um das Einüben, ja das Exerzitium einer Haltung – man könnte sagen, einer grundlegenden akademischen Tugend.

2.06.1996: Rede von Bundespräsident Roman Herzog zum 40jährigen Jubiläum der Bischöflichen Studienförderung "Cusanuswerk" in Schloß Eringerfeld/Stadt Geseke 


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Man hat die Enkel Willy Brandts spöttisch die "Toskana-Fraktion" genannt. Darin mischt sich der Verdacht der politischen Leichtlebigkeit mit dem der politischen Leichtgewichtigkeit. Pate für den verächtlichen Klang in dieser Wortschöpfung stand der sture Bierernst Bonner Politikrituale. Ungehört bleibt, daß in "Toskana-Fraktion" auch eine für deutsche Verhältnisse ungewohnte Leichte des Schweren mitschwingt. Die Gerüche und Küche der toskanischen Landschaftskunst verbinden sich durchaus ironisch mit einer zu (er)findenden Kunst des Politischen, die nach Vino rosso und Rosmarin duftet und schmeckt. Daran perlt der Verdacht, daß die Speisekarte den politischen Horizont bestimmt, ab. Fabrikuniversitätshallen

In diesem Sinne meldet sich eine ihrer selbst unsichere "Toskanageneration" politisch zu Wort. Sie schmückt die durch Glas, Betonpfeiler und Stahlschränke gekennzeichneten Fabrikuniversitätshallen schon einmal mit Grünpflanzen größeren Wuchses und tauft sie blumig "Orangerie" (geschehen in Marburg). Ihre Waffen sind nicht theoretisch-ideologisch gesichtet und gerichtet, wie die ihrer Apo-Väter. Ihre Anliegen sind konkret und partikularistisch, jedenfalls bislang. Es geht nicht etwa darum, den "Geh her da" der Weltrevolution (Brecht), die Arbeiter mit Hilfe ihrer sterilen Schreibtischtheorien eines Besseren zu belehren. Überhaupt erinnert ihr ideologischer Skeptizismus eher an den ihrer Großväter, jener Heimkehrergeneration aus dem Zweiten Weltkrieg, der Helmut Schelsky den Namen "skeptische Generation" gegeben hat. Sie ist detailverliebt, sinn-sehnsüchtig und kritisch-realistisch, nach innen verschlossen. Will gelobt und geliebt werden. Aber man weiß nie, wo die Schmerzlinie liegt. Es geht um Studienzeiten und -gebühren, BAföG, insbesondere aber darum, daß der letzte Spaß nicht aus dem Studium herausbürokratisiert wird. Dies ist in ihrem Anfang im Kern keine Studenten-, sondern eine Konsumentenbewegung.

Ulrich Beck in der Süddeutschen Zeitung vom 9. 2. 1994

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Inmitten allen vergeblichen Anschreibens gegen den dickfelligen Kanzler gebar die frustrierte Bonner Salonjournaille in den 80er Jahren zwei Hätschelkinder die CDU-Achtundsechziger und die sozialdemokratische Toskanafraktion. Das erste repräsentierte den Wunsch nach einer reformkonservativen Bewegung, mit der man dem Kanzler doch noch imponieren wollte; und letzteres mußte für das hedonistische Dekors beim Aufstieg der sogenannten Enkel-Generation Willy Brandts aufkommen.

Wer zunächst annahm, die Toskanafraktion sei nur ein lukullischer Reflex auf die öde Bonner Gastronomie, der sollte bald mit einer gepflegteren Lebensweise auch politisiert werden. So gab etwa Björn Engholm frühzeitig die Parole aus, es komme nicht mehr nur auf den aufgeklärten, sondern vor allem auf den genußfähigen Menschen an. Klang dies schon verdächtig nach moderner Champagnerwerbung, so traf sich unter dem mediengerechten Etikett eine Ansammlung von Politikern, die eifrig der Klischeevorlage zu entsprechen sich vornahm: zeitgeisthörige Kultursofties waren dabei wie bacchantische Parvenus oder frostige Intellektuelle, die damit sinnliche Imagepflege betrieben. Der Toskanasozi entsprach dem Typus eines neoliberalen Exzentrikers, der seine Geschmackswillkür mit Innovation verwechselt.

Toskanafraktion wurde zur hedonistischen Profilierungschiffre auf Kosten einer Großpartei, die entlang des in den 80er Jahren gängigen anti-bürokratischen Paradigmas eine wahre Entfesselung von narzistisch gestörten Menschen hervorrief. Mit der pejorativen Metapher vom immobilen Tanker SPD, der des Protagonisten im Beiboot bedarf, mochte ihr Erfinder Peter Glotz zunächst an eine zwingende Beschreibung seiner Rolle in der Partei gedacht haben - doch schon bald geriet das Beiboot in Gefahr, wegen Überbesetzung abzusaufen.

Die Toskanafraktion war Ausdruck der sozialdemokratischen Anpassung an eine geschmäcklerische neudeutsche Szene, die ihre mediterranen Präferenzen weidlich auf die Spitze trieb, sei es mit der Fetischisierung von trockenen Weißweinen oder der generösen Vermietung frisch erworbener Anwesen. War zu 68er Zeiten noch Frankophiles en vogue, so gab sich die Yuppiekultur in Mode, Design und Kulinarik betont pro-italienisch...

Ganz so neu war die Politisierung des überfeinerten Lebensstils also nicht, allenfalls die Dynamik bei der Überwindung der traditionellen Barriere zwischen privater Kiste und öffentlicher Verantwortung. Während habituelle Bonvivants dahinter nur eine neulinke Kleinbürgerei sahen, witterten altlinke Kritiker die Gefahr einer bloß äußerlich bleibenden Modernisierung der eigenen Partei. Engholms Glück

Wo ein Klischee gehandelt wird, bleiben Ungereimtheiten nicht aus. Nicht jedes dieser Fraktion zugeschriebene Mitglied ist tatsächlich auch ein regelmäßiger Toskana-Urlauber. So rief Björn Engholm auf die berühmte FAZ-Frage nach dem "vollkommenen irdischen Glück" nicht etwa eine casa blanca bei Montepulciano oder Volterra schwelgerisch in Erinnerung, sondern nur ein Weingut im schnöden Rheingauer Kiedrich - wo doch - nach dem Medienklischee - der Toskana-Hardliner fluchtartig Lokale zu verlassen pflegt, wenn die Getränkekarte nur deutsche Tropfen offeriert.

Ende der 80er Jahre geriet die Toskanafraktion mit dem politischen Paradigmenwechsel auf Kriegsfuß. Die deutsche Einheit wurde wohl mehr als Kulturschock denn als ernsthafte Herausforderung empfunden. Von Schönwetterpolitikern war die Rede. Zunächst trieb Lafontaine mit seinem bacchantischen Spieltrieb betuliche Sozialdemokraten zur Weißglut; sodann wollte Kulturmensch Engholm einen puren Machtmenschen herausfordern: Als schließlich Gerhard Schröder zur dezisionistischen Laudatio auf die eigene Unberechenbarkeit ansetzte, kam, was kommen mußte: Rudolf Scharping hieß die Rache der zerknirschten Parteibasis an Toskanafraktion und Enkelschickeria. In seiner Essener Antrittsrede 1993 durfte folglich der Hinweis des neuen Vorsitzenden nicht fehlen, daß in der Vergangenheit zuviel über "Eßgewohnheiten und Urlaubsziele" geredet worden sei. ...

Irgendwie war Endspiel, das Publikum hörte nur noch gelangweilt hin. Selbst der frühere Medienstar von der Saar mochte die Klischees Enkel und Toskanafraktion nicht mehr ertragen und heckte insgeheim drakonische Gegenmaßnahmen aus. Und als das Medienklischee ausgedient hatte, schlug endlich die Stunde der wahren Toskanafans. Eine lockere Runde um den früheren Grünen Otto Schily sollte die eigentliche Fraktionskonstituierung erst noch nachholen. Welcher erlesene Tropfen dabei gebechert wurde, ist nicht bekannt.

Süddeutsche Zeitung 22. 7. 1994

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Helmut Schäfer (FDP): "Herr Pflüger, ich schätze Sie sehr. Aber ich muß Sie fragen: Welche junge Generation meinen Sie? Meinen Sie die Generation, die ihren Urlaub inzwischen im wesentlichen auf den Seychellen verbringt? Meinen Sie die Generation, die mit 25 Jahren schon so arriviert ist, daß sie natürlich über Hauptstädte gar nicht mehr nachdenkt? Meinen Sie eine Generation, die Herr von Dohnanyi, ein Vorgänger im Amt des Staatsministers, einmal die Toskana-Fraktion der Hedonisten genannt hat? Diese Frage darf ich mir hier auch einmal erlauben."

Bernd Reuter (SPD): "Ich darf zunächst dem Kollegen Schäfer sagen, daß er sich irrt, wenn er die Toskana-Fraktion anspricht. Auch hier gibt es keine klaren Verhältnisse. Auch die Toskana-Fraktion ist in dieser Frage gespalten, meine Damen und Herren."

Bundestagsdebatte zur Hauptstadtentscheidung am 20. Juni 1991


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