Dokumente 2000 bis 2004

Was so alles über Toskana-Fraktion geschrieben wurde

Zitate aus der Tages- und Wochenpresse - Sortierung rückwärts

Wird die Politik also bald wieder von Dicken dominiert wie einst bei Ludwig Erhard, Franz Josef Strauß oder Helmut Kohl? Steigen die Chancen des Niedersachsen Sigmar Gabriel auf ein Comeback in Berlin? Wohl kaum. Ein Zurück zur unbeschwerten Völlerei ist kaum noch möglich, seit die Diät-Rhetorik in alle Bereiche durchgesickert ist. Vielleicht sollten sich die rot-grünen Politiker lieber auf ihre Anfänge besinnen. Ernährungsberater jedenfalls empfehlen in solchen Fällen "ausgewogene, mediterrane Kost". Mit anderen Worten: die Rückkehr zu den Gewohnheiten der Toskana-Fraktion.

Ralph Bollmann in der taz vom 4. 5. 2004


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Provence-Franzosen und Toskanafraktion fühlen sich bestens gebettet und bilden die "Eisenbetten-Liebhaber". Das mediterrane Romantik-Feeling verführt nicht nur einsame Herzen oder neue wie alte Liebesbeziehungen ...

Landesbausparkasse Baden-Württemberg 2004

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Im engsten Familien- und Freundeskreis und ohne großen Trubel hat Gerhard Schröder seinen 60. Geburtstag an seinem Urlaubsort in der Toskana verbracht. Der Kanzler habe gestern erst einmal richtig ausgeschlafen und dann ausgiebig mit Frau Doris und Tochter Klara gefrühstückt, berichtete Vize-Regierungssprecher Thomas Steg nach Telefonaten von Berlin nach Italien. Anschließend unternahm die Kanzler-Familie bei bewölktem Himmel und bei für die Gegend eher kühlen 14 Grad einen Bummel in der Umgebung. Für den Abend war ein Essen in einem bekannten Lokal geplant, zu dem auch Innenminister Otto Schily sowie der mit dem Kanzler befreundete Maler Markus Lüpertz eingeladen waren.

Joachim Schucht, dpa, am 7. 4. 2004

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"Heute gibt es noch einmal Toskana-Wein. Aber ab morgen wird hier Bier getrunken."

Franz Müntefering am Vorabend des SPD-Sonderparteitags (auf dem er zum Nachfolger von Gerhard Schröder als Parteichef gewählt wurde) am 21. März 2004

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Die Toskana-Fraktion hat ausgedient.

Das Sauerland regiert.

Bernd Ulrich in der "Zeit" vom 12. 2. 2004 über den Wechsel im SPD-Vorsitz

-Jan Ullrich zieht um: Nach zwei Trainingslagern auf Mallorca geht es jetzt in die Toskana - Phase drei der Vorbereitung auf die Tour de France." Das wird eine Kopie des Vorjahres - da lief es ja optimal", so Ullrich-Betreuer Rudy Pevenage gegenüber radsport-news.com. Alles wie im Vorjahr. Same procedure as last Year: Ullrichs "Reisegruppe" besteht aus den gleichen Leuten wie 2003 - Ullrichs "Toskana-Fraktion".

Das Deutsche Sportfernsehen im Februar 2004

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Es gibt einige Gerichte, die der immer noch real existierenden Toskana-Fraktion gefallen müssten und die bewusst nicht ohne rustikale Dominanz auskommen möchten: fleischig-fester Rucola/Birne/Parmesan-Salat mit ausgezeichnetem Olivenöl aus der Heimat des heiligen Franz sowie das grob-mächtige Pfefferfilet vom Rind -- aus der Eisenpfanne statt vom Grill, mithin ein zivilisatorischer Fortschritt -- in einer banalen wie zugleich herzhaften Demi-Glace mit Cognac und Rotwein und begleitet von klassischen Contorni, also Spinat, Möhren und Kartoffeln, denen man deutlich ansieht, dass sie der Koch nicht mit Glacéhandschuhen anfasste.

Der GaultMillau-Führer Deutschland 2004 über das Restaurant "Bocca di Bacco" in Berlin

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STANDARD: Sie gelten wie Parteichef Gusenbauer als Genussmensch, werden der Toskana-Fraktion zugerechnet . . .

Häupl: Ich bin die Toskana- Fraktion!

Der Wiener SPÖ-OB Häupl im STANDARD 29. August 2003

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Als die Träume von der Revolution gescheitert waren, blieb Italien das Sehnsuchtsland der Linken. Ende der achtziger Jahre verband die "Toskana-Fraktion" politische Diskussionen über Deutschland mit italienischer Lebensart. Zum engeren Kreis gehörten Oskar Lafontaine, Björn Engholm, Peter Glotz, Otto Schily.

Der Spiegel, Nr. 29/14. Juli 2003

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Die Reihen der Toskana-Fraktion scheinen geschlossen. Solidaritätsbekundungen sind eher rar. Der Kanzler? Na, der war ja schon im Sommer auf Mallorca oder treibt sich an der Amalfiküste herum. Dem sein Blut ist halt dünner als Chianti, ein eingefleischter Toskanier wie Schily oder Fischer oder die Simonis war der nie. Während sie alle still und leise in ihre Ferienhäuser bei Pisa und Siena fahren und Brunello süffeln und Pecorino knabbern und gut gebräunte Sommerinterviews geben, muss der Kanzler es wieder mal allein ausbaden - Richtlinienkompetenz! - und sich nach einem anderen Ferienort umsehen. Wir wollen dabei helfen.

Die Welt, 12. Juli 2003 zur Urlaubsabsage von Kanzler Schröder

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"Unser Ansehen als Ferienland leidet", befürchtet auch Patrizia Minetti, die in Montalcino in der Toskana ein Restaurant besitzt, das auch von vielen Mitgliedern der so genannten "Toskanafraktion" deutscher Politiker frequentiert wird. "Die Deutschen machen den Löwenanteil aller unserer Gäste aus", erklärt Signora Minetti.

Tagesspiegel, 12. Juli 2003 zur Affäre um den Staatssekretär Stefani

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Die Toskana-Fraktion ist in den vergangenen Jahren dermaßen angeschwollen, dass für eine ordentliche Mitgliederversammlung der Marktplatz von Siena zu klein geworden ist...Von den Sozialdemokraten kennt man die Präferenzen, wobei der politische Gegner immer wieder versucht, die Toskana-Fraktion zu spalten und irrigerweise Menschen wie Oskar Lafontaine, Björn Engholm oder Rudolph Scharping zu Mitgliedern zu machen. Die besitzen aber allenfalls Gaststatus, gehören jedoch nicht wirklich dazu. Um es zum letzten Mal zu sagen: Chef und Gründer der Toskana-Fraktion ist und war der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz. Er überredete auf seiner Terrasse nahe dem Trasimenischen See im Sommer 1989 den noch grünen Bundestagsabgeordneten Otto Schily zum Parteiübertritt. Dass dabei ordentlich, ja, vielleicht zu viel Rotwein floss, muss angenommen werden. Und noch ein Vorurteil soll hier beseitigt werden: Nicht dolce vita bestimmt den Alltag der Sozialdemokraten im Land der Zypressen und Ginsterbüsche, sondern harte Arbeit: Die Trümmermänner und Trümmerfrauen der SPD haben die Toskana wieder aufgebaut. Aus den von ihren italienischen Vorbesitzern verlassenen und zerfallenen Höfen machten sie mit ihrer Hände Arbeit und im Schweiße ihres Angesichts wieder herrliche Villen und verwandelten die Macchia in blühende Landschaften. Wo bleibt dafür der Dank des italienischen Bauministers, des Umwelt-Staatssekretärs oder wenigstens des Abteilungsleiters für die Förderung des Rotweinabsatzes im Landwirtschaftsministerium?

Philipp Maußhardt in der "taz" vom 11. Juli 2003

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Nicht nur die Toskanafraktion aus altgedienten Achtundsechzigern, die sich mit systemkritischen Schaum vor dem Mund in die Logen der Macht hinaufgedient haben, ist daher schlecht beraten, wenn sie sich selbst zum Italienboykott verurteilt. Auch alle anderen Deutschen, deren Lieblingsbeschäftigung in Ermangelung einer vergleichbaren Lebenskultur darin besteht, ununterbrochen ihr Deutschsein zu thematisieren, zu hinterfragen, zu bedenken, zu beschwören und auszudeuten, was der dummdreiste italienische Staatssekretär dann mit Nationalismus verwechselt, sollten sich in die bittere Erkenntnis fügen: Wir nördlich der Alpen brauchen Italien und die Italiener mehr als umgekehrt. Dem ist halt leider so.

Tiroler Tageszeitung, 11. Juli 2003

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Die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) fährt mit ihrem Mann Udo in ein Ferienhaus in der Toskana. Sie will lesen, Maria Callas hören und Nudeln kochen. ?Nudeln machen glücklich?, sagt die Regierungschefin, die noch vor ihrem Urlaub am 4. Juli ihren 60. Geburtstag feiert. Und zu den Nudeln gibt es einen guten Rotwein.

Süddeutsche Zeitung 27. Juni. 2003

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Die Sehnsucht und die Zuneigung zum Land jenseits der Alpen ist den Deutschen traditionell zu eigen; wie keine andere Nation haben wir die kulturellen Werte und den Lebensstil in unseren Alltag integriert. Die Urlauber des Wirtschaftswunders und nach 1968 die Genussmenschen schufen ein Deutschland, das mediterran sein will. Wo sonst hätte sich eine Toskana-Fraktion bilden können?

Berliner Morgenpost, 18. Juni 2003


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Piazza al Serchio in den Bergen der Nordtoskana an einem lauen Aprilabend: Fünfzehn jüngere deutsche Sozialdemokraten sitzen in einer der beiden lokalen Pizzerien (die an der einzigen Piazza des Ortes) und sind satt. Nach insalata mista con tonno und Pizza con ruccola e prosciutto crudo und reichlich vino rosso setzt spätestens beim Café coretto (Espresso mit Grappa, wörtlich: korrekter Kaffee) langsam, aber immer lauter vernehmlich, der Gesang von Arbeiterliedern ein... Bis tief in die Nacht wird getrunken und gesungen, und je näher der Morgen rückt, desto deutlicher zeigt sich: Auch die letzte Bastion der inzwischen nicht mehr ganz so jungen sozialdemokratischen Enkelgeneration wird von den Urenkeln übernommen. Die Generation Berlin erobert die Toskana.

Nicht direkt eine feindliche Übernahme ist das. Dennoch sind deutliche Unterschiede zum Gebaren der Politpaten von heute festzustellen. Die Helden des letzten Jahrhunderts ziehen sich hierher zurück; ins rote Herz Italiens. Abseits des Pöbels und der Probleme daheim vergewissern sie einander der Richtigkeit ihrer ehernen Ansichten. Vielleicht veranstalten sie Dia-Abende mit den schönsten Bildern ihrer Revolution.

Nicht so ihre Kinder: Die haben zwar gelernt, dass man ohne ein bisschen dolce vita so wird wie Guido Westerwelle. Die kultivierte Behäbigkeit der Ruhestätten ihrer Eltern interessiert sie aber nicht mehr als Heiner Bremers Nachtjournal, das man hier ohnehin nicht empfängt. Insofern passen die Jungen deutlich besser zur Toskana, als die weißhaarigen Polit-Opas, die sich Anfang der Achtziger im südlichen Teil der Toskana mit Immobilien eindeckten.

Berliner Republik 3/2003  

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Goethes Sehnsuchtseufzer "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn" trifft heute kaum noch die Sehnsüchte der anspruchsvolleren deutschen Italienreisenden. An die Stelle von Goethes Kampanien´ist längst die Toskana getreten, nach der frivole Politiker sogar eine parteiübergreifende Abgeordnetenschar im deutschen Bundestag mit Außenminister Joschka Fischer an der Spitze nennen: die Toskana-Fraktion. Sobald die Parlamentsferien beginnen, wird sie aktiv und setzt sich in Marsch in das Land, in dem die Oliven blühn, wenn auch eher unscheinbar. Die deutsche Volk ist dann schon da. Ganze Dörfer in der Toskana haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten in deutsche Kolonien verwandelt, denn hier vermitteln Natur und Kultur in geradezu idealer Mischung ein einzigartiges, der deutschen Mentalität entgegenkommendes Lebensgefühl.

Pressemitteilung des Baedeker-Verlages zur Neuaulage des Toskana-Führers, Frühjahr 2003

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Die Toskanafraktion lebt: Ihre beiden prominentesten Mitglieder im Bundeskabinett, Joschka Fischer und Otto Schily, genossen aus Anlass der Internationalen Tourismus-Börse südliche Freuden. Sie folgten der Einladung des Präsidenten der Handelskammer Siena, Vittorio Galgani, und des ältesten Bankhauses der Welt, "Monte dei Paschi di Siena", zu einem toskanischen Abendessen im Restaurant "Malatesta" am Gendarmenmarkt. Es gab mit Schaftsquark gefüllt Gnocchi und Fleisch von Lamm und Rind, das Fischer allerdings verschmähte, um sich ein vegetarisches Gericht servieren zu lassen. Der Außenminister verzichtet zwar nach wie vor auf Fleisch und Alkohol, ansonsten gehören Fasten und Fitnesskult aber der Vergangenheit (was man ihm auch ansieht). Über Politik wurde nicht gesprochen, sondern über den nächsten Urlaub zwischen Pinien und Zypressen.

"Rheinischer Merkur" Nr. 11 vom 13. März 2003

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WamS: Sind hedonistische Politiker in Deutschland überhaupt wählbar? - Siebeck: Na ja, besonders goutiert wird Genussfreude sicher nicht! Aber wenn sie als Abgeordneter nicht gerade mit umgebundener Serviette vor den Reichstag treten und das Budget erklären, dann geht das heute wohl schon. Immerhin haben wir ja auch die Toskanafraktion ganz gut verdaut, nicht wahr, Herr Lafontaine? - Lafontaine: Sicher, und das ist sowieso von Landstrich zu Landstrich - besonders in Deutschland - verschieden. Der Süden ist einfach sinnenfroher! Ein Politiker in Bayern oder dem Saarland kann sich eher als barocker Genießer outen als zum Beispiel einer aus Niedersachsen.

Die Welt am 6. 11. 02, Gespräch mit Oskar Lafontaine und Wolfram Siebeck

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"Schröder muss in die Toskana und dort bleiben."

CSU-Generalsekretär Thomas Goppel im Bundestagswahlkampf (9. 9. 02)

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Ende 2000 wurde Kirst in seiner Villa in der Toskana verhaftet und kurz darauf nach Deutschland ausgeliefert...Viele Jahre waren die Ehepaare Kirst und Hoffmann eng befreundet. Mehrfach war Hoffmann zu Gast in Kirsts Villa in der Toskana. Auch andere SPD-Promis entspannten gern mal am Pool des noblen Anwesens bei Lucca - einer der Keimzellen der sozialdemokratischen "Toskana-Fraktion", die es sich bei Rotwein, Carpaccio und Pecorino unter südlicher Sonne gut gehen ließ.

Der Spiegel am 13. Mai 2002 über die Affäre um den Saarbrücker OB Hajo Hoffmann (SPD)

-Die Wahl seines Urlaubsorts beweist, dass der kantige Kandidat vor politischen Schablonen noch weniger Angst hat als Bush vor leeren Bänken: Ausgerechnet in der Toskana erholt sich der Herausforderer, in einem italienischen Landstrich also, der so gar nicht als Lieblingsrevier asketischer Machtmenschen gilt. Ganz im Gegenteil: Weil die frugale Gegend mit ihren berühmten Rotweinen für die andauernde Lebensgier der Spät-68er in der rot-grünen Regierung stand, wurde sogar der Begriff der "Toskana-Fraktion" geprägt.

Frage: Gehört nun auch Stoiber zur Toskana-Fraktion? Antwort: So wenig wie Jürgen Trittin zur Ballermann-Fraktion gehÜrt. Der Umweltminister nämlich, der beim Bush-Auftritt auf der Regierungsbank fehlte, war vor acht Tagen mit dem Urlaubsflieger nach Mallorca gestartet. Schwarze in der Toskana, Grüne auf Mallorca - an was soll man sich nur halten, wenn die letzten Gewissheiten deutscher Politik einfach über den Haufen geschmissen werden?

Hans Monath im Tagesspiegel vom 6. 5. 02 über Edmund Stoiber

-Die Zersplitterung der deutschen Nation ließe sich im Gegensatz zur Einheitssucht als die eigentliche Erfolgsgeschichte erzählen, in der die Beweglichkeit der Toskana-Fraktion, der Paris-Fans oder der Skandinavien-Flüchtlinge als glückliche Erfahrung der Teilbarkeit auftauchen müsste.

Freitag, 3. 5. 2002

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Gehört auch Tony Blair zur Toskana-Fraktion? Bestimmung eines Begriffs (www.toskanafraktion.de) aus den späten 80er-Jahren: humorvolle Sonderseiten für Toskana-Freunde mit umfangreichem Montepulciano-Special.

die tageszeitung (taz) am 9. 3. 2002 

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Margarethe von Trottas vierter Film war ein Schlüsselwerk der neuen Frauenbewegung: eine komplexe, elegant und ungeheuer dicht inszenierte Geschichte, in der es weniger um "Selbstverwirklichung" geht, als um die Frage, wie Frauen zueinander stehen, ob sie in ihren Beziehungen neue Formen der Intimität und der Solidarität leben können. Mit zwanzig Jahren Abstand betrachtet, erscheint "Heller Wahn" auch als Gesellschaftssatire: eine hellsichtige Karikatur der "Toskana"-Fraktion, der ehemals linken oder alternativen intellektuellen Szene, die in den 80-ern politisch eingemeindet wurde.

Margarethe von Trotta zum 60. Geburtstag, 14. 2. 2002 (Programmvorschau)

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Und so fliehen die beiden schließlich in dessen Region, in dessen Licht - in die Toskana.... Kaum in Montepulciano angekommen, lassen sich beide die Schädel rasieren; mit bloßen Köpfen, in Jeans und weißem T-Shirt sind sie sich schließlich so ähnlich, dass selbst Filippos Vater, der kommt, um ihnen zu helfen, sie kaum unterscheiden kann. Italien als das Stereotyp der immerwährenden Gleichzeitigkeit von Korruption und Familienliebe, jener zwei Seiten der einen (italienischen) Medaille, wird dann selbst Bestandteil der Inszenierung: Nur im Traumland Toskana kann sich der Wandel von größter Schuld in reinste Unschuld vollziehen. Bevor sich die beiden, Geliebter und Geliebte, Brüderchen und Schwesterchen, Hänsel und Gretel, Adam und Eva, ihre Himmelfahrt erschleichen, vereinigen sie sich im Sonnenuntergang auf einem Hügel unter einem Baum. Sie sind zurückgekehrt ins Paradies, unter den Baum der Erkenntnis, der keine Früchte trägt und, anstatt sich zu bedecken, entkleiden und lieben sie sich wie Adam und Eva vor dem Beginn der Zeit. Man mag darin den Kitsch mit grobem Strich gezeichnet sehen, doch ist es der Kitsch der deutschesten aller Sehnsüchte, den Heaven entwirft und die uns noch in der regierenden "Toskanafraktion" wiederbegegnet.

"Freitag" am 8. 2. 2002 über Tom Tykwers Film "Heaven"

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Nach fünf Wochen Studio-Dreh in Bottrop und drei Wochen in Turin siedelte das Filmteam schließlich in die Toskana um. "Turin ist eine sehr attraktive Filmstadt, die jedoch sehr geometrisch und labyrinthisch wirkt wie ein Moloch. Die Toskana besitzt dagegen eine beruhigende, geradezu hypnotische Weite", meinte Tykwer.

ZDF-Heute-Magazin, 6. Februar 2002, über Tom Tykwers Filrm "Heaven"

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Ebenso leidenschaftlich wurde um die Hauptstadt gestritten, Bonn oder Berlin: Das nicht schmeichelhaft gemeinte Wort von der "Toskana-Fraktion" gehÜrt seitdem zum deutschen Sprachschatz.

Michael Stürmer am 31. 1. 02 in der "Welt"

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Deutschland hat heute die höchste Neuverschuldung in Europa! Das, was früher "italienische Verhältnisse" waren, haben wir dank der "Toskana-Fraktion" jetzt in Deutschland. Das darf nicht so weitergehen!

Edmund Stoiber am 4. 12. 2001 auf dem CDU-Parteitag in Leipzig

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Ein Landhaus mit Zypressenallee jenseits der Alpen, das wünschen sich laut Forschungsinstitut Empirica 350 000 Deutsche. Für die meisten muss der Wunsch unerfüllt bleiben. In der Toskana, der Aussteiger- und Erholungsregion für gehobene Ansprüche, treiben weinselige Studienräte mit Blick auf die Frühpensionierung längst die Preise in fast unerschwingliche Höhen. Gerade im Dreieck Florenz-Siena -Arezzo sind die Immobilien nicht mehr zu bezahlen. Spitzenreiter innerhalb dieses Dreiecks ist die Region Chianti. Wohnungen werden dort nicht unter 200 000 Euro gehandelt, Villen sind nicht unter 390 000 Euro zu haben. Erdbeben haben indes die Preisanstiege in Umbrien und in der Region Marken stark gebremst und liegen im Schnitt jetzt deutlich unter dem Toskana-Niveau.

STERN vom 31. 10. 2001

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-Die Toskanafraktion trifft sich jeden Samstagmittag im schicken "Vinum" an der Danckelmannstraße, um den neuesten italienischen Rotwein zu kosten oder zum Austernessen, für 2,45 das Stück.

Berliner Zeitung 23. 10. 01

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Waren die 80er Jahre von der Polarisierung zwischen Yuppietum und Betroffenheit geprägt, bildete sich in den 90ern eine Art moralischer Mischkultur heraus, die auch die Gegenwart noch stark bestimmt. Auf der linken Seite des politischen Spektrums übernahm die alte "Toskana-Fraktion" das Ruder. Die aggressive Maxime "Erst kommt das Fressen - dann die Moral", der die gestressten Yuppies so demonstrativ skrupellos hinterherzuleben suchten, wurde gastronomisch und moralisch gleichermaßen gemildert. Das angeberische "Fressen" in hektischen und überteuerten Läden, begleitet von plärrenden Zynismen, die sich gegenseitig zu übertrumpfen suchten, verwandelte sich in gepflegtes Speisen im ruhigen Ambiente einer verantwortungsvollen Konversation.

Bruno Preisendörfer "Fressen und Moral" DeutschlandRadio Berlin 13. 10. 2001

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Ohnehin scheint die Toskana, und vor allem deren hügeliges Innere, eine leicht narkotisierende Wirkung auf Menschen aus aller Welt auszuüben. Noch nie gab es so viele Touristen in dieser Region, nicht nur die Städte und ihre Sehenswürdigkeiten sind überfüllt. Auch die Ferienwohnungen auf dem Lande waren den Sommer über fast alle ausgebucht. "Agriturismo" heißt das Zauberwort, Ferien in alten Bauernhäusern, in Villen, in ausgebauten Scheunen. Und alle scheinen sie glücklich zu sein, die Vermieter und die Mieter, letztere vorwiegend Deutsche, die in Shorts im Supermarkt nach "formatschio" und "tschianti" anstehen und mit hochroten Köpfen und seligem Gesichtsausdruck auf dem Fahrrad über Berg und Tal strampeln.

Süddeutsche Zeitung vom 9. 10. 2001

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Viele Deutsche lieben es, sich in der Toskana durch Marmor zu meißeln, um ein kreatives Gefühl zu bekommen... Seit den achtziger Jahren hat der Berliner Veranstalter Peter Rosenzweig sein Domizil im Bergdorf Azzano stetig ausgebaut. Ein Dutzend Aussteiger und Künstler bevölkert den Campus und unterrichtet die Kreativ- Urlauber. Grinsend begutachten sie die Werke der Hobby-Bildhauer und feiern sich gegenseitig auf weinseligen Vernissagen. "Toskana-Fraktion?", fragt einer erstaunt, "nein, das sind die mit den Weinbergen. Die sind weiter im Landesinneren. Wir sind Künstler, die Italiener lieben uns," sagt er, und verweist auf seine toskanische Freundin.

Süddeutsche Zeitung, 16. 10. 2001

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Schmid stand immer zu seinem DuzFreund Gerhard Schröder. Nun zahlt sich Loyalität aus. Und Schily weiß, dass er auf seinen Freund aus der ?Toskana-Fraktion? bauen kann.

Welt am Sonntag, 5. 8. 2001, über Albert Schmid, Leiter des Bundesamts zur Anerkennung ausländischer Flüchtlinge

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So kann man etwa bei passionierten Mitgliedern der Toskana-Fraktion ein seltsames Sympathisieren mit den paramilitärischen Ritualen der italienischen Polizei beobachten.

Gottfried Knapp in der Süddeutschen Zeitung vom 4. 8. 2001

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"Warum verstecken Sie Ihre Frau? Warum sind Sie bei diesem Thema so gereizt? "Warum soll man darüber nicht reden?" So hakte der Mahr Hansi im Exclusiv-Investigativen Frauke-Ludowig-Stil (Hat Naddel einen Neuen?) nach. "Weil Sie das nichts angeht", antwortete der Außenminister. Letzte Frage: "Was ist das nächste Ziel "Bundespräsident?" Antwort: "Das nächste Ziel ist der Urlaub." Immerhin ein Ergebnis der hartnäckigen Recherche: Die Toskana-Fraktion lebt. Und sonst?

Der Spiegel, 3. 8. 2001, über das RTL-Sommerinterview mit Joschka Fischer

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Regierungschefin Simonis (SPD) bekennt sich unbeirrt zur ?Toskana?-Fraktion: In wenigen Tagen wartet auf sie für drei Wochen ein Ferienhaus in der Nähe von Pisa.

"Die Welt" vom 25. 7. 2001 über Heide Simonis

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Apropos Italien: Außenminister Joschka Fischer und Ehefrau Nicola ziehen sich wieder nach Asciano bei Siena zurück, dort wo auch Innenminister OttoSchily sein Anwesen hat. Grünen-Chefin Claudia Roth bevorzugt Jahr für Jahr die südliche Toskana-Küste. Nicht genug der Toskana-Fraktion: CSU-Landesgruppenchef Michael Glos, der in Bad Reichenhall ausspannt, verriet er der MOPO: ?Ich lebe ständig in der Toskana.? Wie das? ?Mein Heimatort in Franken gehörte mal zum Großherzogtum Toskana.

Hamburger Morgenpost, 14. 7. 2001

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Schily greift immer wieder auf das Reservoir des Bürgertums zurück - mal auf das autoritäre, mal auf das feinsinnige, wenn er etwa mit Tochter Jenny, einer Schauspielerin, bei einer gemeinsamen Lesung auftritt. Und er gehört der so oft geschmähten Toskana-Fraktion in seiner Partei an - standesgemäß: Er besitzt in Italien ein ansehnliches Gut.

Süddeutsche Zeitung, 10. Juli 2001

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Sein Reiseziel: Italien. Genauer gesagt: Die Toskana. Das schönste Exil für alle Genießer, die eine unstillbare Sehnsucht in das Hügelland zwischen Apeninn und tyrrhenischer Küste treibt: die internationale Toskana-Fraktion. Das uralte Kulturland liegt voll im Trend bei rastlosen Bossen aus Wirtschaft und Politik. Hier finden sie Entspannung, Ruhe und Lebensfreude. Wie sagte der Außenminister einmal anläßlich des Empfangs zum Tag der Deutschen Einheit in Rom: ?Seit 25 Jahren verbringe ich regelmäßig meinen Urlaub in der Toskana. Ich habe mich dort wie überall in Ihrem Land immer sehr wohl gefühlt. Einige meiner großen Leidenschaften gelten Italien, seiner großartigen Kultur- und Geistesgeschichte, seiner wunderbaren Oper und nicht zuletzt der exquisiten Küche, der ich mich allerdings – leider! – nur noch sehr eingeschränkt hingeben kann." Auch in diesem Sinne bleibt alles, wie es ist. Und Joschka Fischer wird, davon kann man ausgehen, auch wie üblich seine morgendlichen Laufrunden durch zypressenbestandene Hänge drehen. Joschka Fischers genauer Urlaubsort ist geheim.

RTL WORLD Sommer 2001

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Otto Schily (68), Bundesinnenminister (SPD), wird zur eigenen Überraschung mit Auszeichnungen überhäuft... erstaunt war er erst vor kurzem über den "Grande Ufficiale OMRI", einen der höchsten Orden Italiens, der ihm von seinen ehemaligen Innenministerkollegen Enzo Bianco in der italienischen Botschaft in Berlin überreicht worden war. Ausschlaggebend waren wohl "meine vielfältigen Bezüge zu Italien" gewesen, so das häufig im Urlaub hart auf seinem prächtigen Gut arbeitende Mitglied der Toskana-Fraktion.

Der Spiegel, 9. 7. 2001

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DER IMPERATOR der Toskana-Fraktion

Der "Stern" vom 3. Juli 2001 über Otto Schily

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Meine erste Reise ins, wie man früher in der DDR sagte, nicht-sozialistische Ausland führte mich in die Toskana. Das war ein Traum, der mich nicht mehr los lässt. So wie die Menschen dort in wunderschönen alten Häusern, in denen man bei uns allenfalls Museen einrichten würde, miteinander leben, das ist schon etwas, von dem man auch lernen kann. Ich werde weiter in die Toskana fahren, aber deswegen muss ich mich noch nicht in eine Schublade stecken lassen.

Die PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer in der Hamburger Morgenpost, 2. 7. 2001

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Bundeskanzler Gerhard Schröder will auch nach Amtsantritt des künftigen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi in Italien Urlaub machen. Er werde auch in diesem Sommer dorthin reisen, kündigte Schröder am Donnerstag vor ausländischen Korrespondenten in Berlin an. Seinen Urlaubsort wollte er nicht verraten.

dpa 7. 6. 2001

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Immerhin haben wir ja auch die Toskanafraktion ganz gut verdaut, nicht wahr, Herr Lafontaine?

Wolfram Siebeck am 3. 6. 01 in der Welt am Sonntag

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Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) will im kommenden Jahr erneut für den Bundestag kandidieren und bei einem Wahlsieg im Amt bleiben. Voraussetzung sei, dass sein Wahlkreis München-Land dem zustimme, sagte Schily am Montag in Ismaning bei München. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) habe ihn gebeten, seine erfolgreiche Arbeit über das Ende der Legislaturperiode hinaus fortzusetzen. Schily betonte, er schulde Schröder diese Loyalität. "Der Pflicht kann ich mich auch nicht entziehen." Er fühle sich trotz seiner 68 Jahre noch fit genug, die Belastungen des Amtes tragen zu können. Er arbeite mit großer Lust und Freude.

dpa 21. 5. 2001


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SPIEGEL: Wir verstehen, dass Sie sich als künftiger EU-Ratspräsident zurückhaltend äußern müssen. Im Falle Österreichs haben Sie seinerzeit sogar einen Urlaubsboykott emfohlen. Nach bella Italia aber dürfen wir weiter fahren? Michel: Dass ich damals die Belgier vom Skifahren in Östgerreich abhalten wollte, war ein Fehler, ein temperamentsbedingter Irrtum. Ich wünsche mir heute im Gegenteil, dass massenweise Europäer und Demokraten nach Italien reisen und dort mit der Bevölkerung diskutieren. Der kulturelle Austausch bringt es. SPIEGEL: Ihr Premierminister Guy Verhofstadt ist ein ausgesprochener Toskana-Fan. Michel: Ja. er hat mich für diesen Herbst sogar in die Toskana eingeladen. Ich werde also auch dort meinen Urlaub verbringen.

Interview mit dem liberalen belgischen Außenminister Louis Michel im SPIEGEL vom 21. 5 2001


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Nicht selten fährt er für Aufträge in die Toskana oder in die Provence - ?da ist das Licht einfach wärmer?.

Das "Hamburger Abendblatt" (12. 5. 2001) über den Fotografen Stefan Thurmann

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In Großbritannien hat die Maul- und Klauenseuche dramatische Ausmaße erreicht... Noch ist ein Großteil der ländlichen Gegenden der Seuche verschont. Weil das nur wenige wissen, hat Tony Blair in Zusammenarbeit mit der British Tourist Authority die Kampagne "UK is OK" ins Leben gerufen... Tony Blair hat gerade seinen Urlaub umgebucht. Er fährt nicht mehr in die Toskana, sondern in den Lake District.

Süddeutsche Zeitung 17. 4. 2001


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Elton John, 54, britischer Popstar, hat Solidarität für italienisches Rindfleisch gezeigt. Bei einer Auktion in Panzano in der Toskana ersteigerte er per Telefon drei Kilo ?Bistecca fiorentina" für 7000 Mark. Ein toskanischer Metzger hatte eine Begräbnisfeier für das Traditionsgericht organisiert. Das "Fiorentina" ist vom 1. April an für neun Monate verboten. Wegen seines Wirbelknochens gilt es als BSE-Risikomaterial. Den Versteigerungserlös von 80 000 Mark erhält eine Kinderklinik.

Süddeutsche Zeitung 2. 4. 2001

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Lieber Joschka, neulich sollst Du gesagt haben, Journalisten seien Fünf-Mark-Nutten. Das finden wir irgendwie nicht okay. Glaubst Du wirklich, dass wir für einen lumpigen Heiermann Deinen Werdegang vom antiimperialistischen Revolutionär zum Schoßhündchen von Madeleine und Colin so enthusiastisch begleitet hätten? Glaubst Du, dass wir so leicht käuflich sind? Und vor allem: Hast Du jemals gezahlt? Nein, Du hast Dich durchfüttern lassen, von uns Nutten. Und wenn wir dann mal in der sonnigen Toskana waren, hast Du uns erst dürsten lassen und dann noch mit dürren Worten abgespeist. Nein, das ist eines Freiers unwürdig...

Der Spiegel, 26. 3. 2001

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Von einigen Exzessen des Massentourismus abgesehen, wie den Sau-Rauslassern am "Ballermann 6" auf Mallorca, werden die Nachkommen der Vandalen vonden Südländern erstaunlich selten als Landplage empfunden. Die Nordlichter üben nicht nur wirtschaftlich, sondern oft auch kulturell und ökologisch einen positiven Einfluss aus... Von Brombeeren und Unkraut überwachsene Steinhaufen in Umbrien oder der Toskana, die zu Mussolinis Zeiten armselige Kleinbauernhöfe oder Schäferhütten gewesenwaren, verdanken ihre Auferstehung als stilgerechte Casa rustica in der Regel den "expatriates", den Fremden aus dem Norden oderaus Übersee.

Carlos Widmann im "Spiegel" vom 24. 2. 2001

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Statt gequälten Kabeljaufilets mit Remoulade kennt die Artenvielfalt hier kaum Grenzen. Übers Jahr finden sich neben gängigen Nordmeerfischen Lachs und Seezunge. Dorade und Seeteufel vertreten die Toskanafraktion.

Financial Times Deutschland vom 26. 1. 2001 über die Kantine von Siemens in München

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Nicht zuletzt haben die Achtundsechziger mit ihrem Rückzug in die Genussidylle eine neue Esskultur geprägt. Niemand muss mehr in einer kalten Küche frieren, das Essengehen ist ganz normal. Die Revolution begann in Pizzerien, der Marsch durch die Institutionen führte über den Dauerbesuch international ausgerichteter Restaurants bis zum herrschaftsfreien Diskurs im hoch gelobten Fresstempel. Vorher, nur zur Erinnerung, war Sauerbraten und Königsberger Klopse samt Kapern. Wer Ja zu Carpaccio sagt, muss der Toskana-Fraktion ein Dankeschön hinterherrufen.

Holger Kreitling in "Die Welt" vom 24. 1. 2001

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Einst gab es in diesem Land (rund um ein paar sinnenfrohe Sozialdemokraten herum) jene ominöse Toskana-Fraktion. Heute ist unser frierendes Volk eine einzige Toskana-Nation geworden. Frühlingsberauscht, sommersüchtig. Herbst pfui Teufel, Winter ade! So weit, so gut, so gaga.

"Streiflicht" der Süddeutschen Zeitung vom 20. 11. 2000

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Die Olivenernte hat in der Toskana begonnen. Nach alter Tradition pflückt Luigi Brunetti die Früchte seiner 4000 Bäume von Hand, ehe das "Gold des Südens" kalt gepresst wird. Dazu das italienische Sprichwort: "Man nehme Essig wie ein Geizhals, Salz wie ein Weiser und Öl wie ein Verrückter."

Salzburger Nachrichten 20. 11. 2000 unter der Überschrift "Toskanafraktion"

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Zum fünften Mal hat Tony Blair San Gimignano und die Toskana für seinen Sommerurlaub ausgewählt. Nach der Landung auf dem Flughafen Peretola fuhr er mit einem Renault Megane zur Villa Cusona in San Gimignano. Er wird erneut Gast des Fürsten Girolamo Strozzi sein. .. Was wird dieses Jahr das Leitmotiv sein? Vielleicht der kleine Leo? Oder das Lied von den "bürgerlichen Ferien"? Es ist nicht allein das Problem von Blair. Genauso wehren sich seit Jahren die Minister der rot-grünen deutschen Regierung, Joschka Fischer und Otto Schily, gegen deutsche Kritik an der "Toskanafraktion". Die europäische Linke wird sich daran gewöhnen müssen.

Der konservative "Il Giorno" am 6. 8. 2000

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Die GRÜNEN IM RÖMER haben dem französischen Konsul in Frankfurt ihre herzlichen Glückwünsche für den Gewinn der Europameisterschaft ihres Teams der Fußballnationalmannschaft übermittelt. ?Mit diesen Glückwünschen konnte sich der frankophile Flügel fraktionsintern gegen die sogenannte Toskanafraktion durchsetzen, die sich in selbiger aufhält und unverständlicherweise zu den Azuri hielt.?

Pressemitteilung der Grünen-Fraktion (Frankfurt) vom 3. 7. 2000

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Bestes Beispiel für den Höhenflug italienischer Rotweine ist das kleine Städtchen Montalcino im Süden der Toskana. Mehr als hundert Jahre wurde dort zwar ein hoch gerühmter Wein gekeltert, aber viel zu verdienen war damit nicht.

Das änderte sich gründlich, als nach den Engländern auch die Deutschen die Toskana in ihr Herz schlossen. Öko-Freaks, Schriftsteller und TV-Größen reisten ab Ende der siebziger Jahre in immer dichteren Scharen an. Polit-Promis, vor allem rot-grüner Herkunft, sorgten dafür, dass die Daheimgebliebenen vom neuen Trend zu hören, sehen und lesen bekamen.

Otto Schily, heute Innenminister, legte sich 1988 ein so prächtiges Anwesen zu, dass sein alter grüner Kumpel Joschka Fischer, heute Außenminister, beim ersten Besuch gleich wieder abdrehte. Das, dachte er irrtümlich, könne nicht Schilys Domizil sein, sondern nur der Herrensitz eines toskanischen Adelsgeschlechts.

Zum Kultobjekt, gelegentlich auch zum Zahlungsmittel und zum Wertmaßstab der "Toskana-Fraktion", wie die konservativen Gegner die Truppe rot-grüner Hedonisten verspottete, wurde der kräftige, samtrote Wein aus dem kleinen Montalcino, der Brunello- Der Edelwein, der erst nach fünf Jahren Fassgärung in Flaschen gefüllt wird, kostete schon in den achtziger Jahren um die 30 Mark.

Hans-Jürgen Schlamp im "Spiegel" vom 26. 6. 2000

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Die Toskana-Stadtplanungsmafia würde - in ihren eigenen Worten - nichts lieber tun, als den Alex mit "Gerümpel einzumüllen". Sie bedienen sich immer der Bilder, die ihnen gerade in die Argumentation passen. Was ist ihnen lieber, der Marktplatz von Siena oder der Bahnhofsvorplatz von Magnitogorsk?, lautet die suggestive Frage. Die italienische Piazza und die spanische Plaza sind unendlich dehn- und drehbare Wunschbilder. Straßencafés gleich Urbanität gleich gut. Es wird einfach übernommen und nicht einmal hinterfragt, warum auf den Piazzen keine Bäume stehen (nämlich weil es dort zu trocken ist). Die Toskana Armee Fraktion terrorisiert die Stadt mit ihrer einseitigen Vorstellung von Urbanität, in der Historie und SchÜnheit aus der Vogelperspektive wichtiger sind als der Gebrauchs- und Erholungswert eines Platzes für die Stadtbewohner.

Steinschlag - Berliner Stadtzeitung 05/2000

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Die Toskanafraktion kann sich freuen. Jetzt gibt es das Spiel zum Getränk: Vino. Lebensfreude, Genuss und Muße sind zentrale Motive, die mit der Toskana in Verbindung gebracht werden - ein Spiel hat da gerade noch gefehlt. Wen wundert es da, dass Christwart Conrads Prototyp, bei dem es um deutsche Weinregionen ging, von der Goldsieber-Redaktion flugs ins Italienische verpflanzt wurde.

"Fairplay. Das Spielemagazin" April 2000. (Link)

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Diese Regierung aus Toskanafraktion und opportunistischen Ökofundis ist eine Fehlbesetzung für Deutschland.

Der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber am 11. April 2000 auf dem CDU-Bundesparteitag in Essen

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Für sein Arbeitszimmer verbat sich Joschka Fischer Kirschholz, Wandbespannung und Kronleuchter und ließ die Wände weiß kalken und den Fußboden mit Terrakotta auslegen. Das mag man als Toskana-Ästhetik bespötteln oder gar als geschmacksverliebte Denkmalschändung kritisieren - man kann darin aber auch ein kleines, privates Gegenprogramm sehen, die Politik weniger feierlich und förmlich zu nehmen.

"Die Zeit" am 20. 1. 2000 über das neue Außenministerium in Berlin

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